Varanasi ist die letzte Station auf unserer Reise durch Indien. Es sei vorweg genommen, dass uns die Stadt sehr gut gefallen hat. Für Caroline war dies das Highlight der Reise und sorgte bei der Abreise sogar für ein wenig Wehmut.

Varanasi, auch Bernares oder Kashi (Ort des Lichtes) genannt, ist die älteste Stadt Indiens und war bis vor knapp 100 Jahren größer und wichtiger als das heutige Delhi. Die Stadt zählt heutzutage 1,2 Millionen Einwohner und liegt im Bundesland Uttar Pradesh. Das besondere Flair verdankt die Stadt dem Ganges, welcher entlang der Stadt fließt. Entlang des Flusses reihen sich zahlreiche Gebetsstufen, so genannte Ghats. Verweilt man auf diesen Stufen, kann man die weitläufige Sicht über den Fluß und die gegenüberliegenden Felder genießen sowie das lebendige Treiben beobachten.
Wenn man die Ghats verlässt, befindet man sich inmitten eines Labyrinths aus kleinen und schmalen Gassen. Die Orientierung zu bewahren ist nahezu unmöglich. Wenn man diesen Fakt akzeptieren kann, irrt man Stundenlang herrlich durch die Gassen. Irgendwann gelangt man so oder so wieder zurück an den Ganges.

Wir haben eine Walking-Tour mit Nandan gebucht (www.groovytours.org) und vieles über die Stadt und über die hinduistischen Traditionen gelernt. An dieser Stelle möchten wir jedem Varanasi-reisenden diese Tour ans Herz legen. Es lohnt sich wirklich!!! Auch wer interessiert ist in einen sozial-kritischen Blog, sollte Nandans Blog (www.groovyganges.org) durchstöbern.

Heilige Stadt
Für Hindus ist dies die heiligste Stadt, aber neben 3600 Hindu Schreinen/Tempeln sind auch andere Religionen zahlreich vertreten. Varanasi zählt 1388 Schreine und Moscheen der Muslime, sowie 42 Sikh Tempel, 9 buddhistische Tempel und 12 Kirchen.
Die Vielfalt der Religionen ruft Spannungen hervor. Vor allem zwischen Hindus und Moslems ist es in der Vergangenheit zu gewaltsamen Auseinandersetzungen gekommen. In Varanasi sind seit 2006 vier Anschläge verübt worden, unter anderem in einem hinduistischen Tempel, dem Monkey-Tempel, und an der Haupt-Ghat.

Heilige Stadt der Hindus
Für die Hinduisten ist dies die heiligste aller Städte, denn hier erschien der Gott Shiva und lebte als Asket.
Seit mehr als 2500 Jahren pilgern die Hindus zu diesem heiligen Ort um die Erleuchtung zu erlangen. Zu diesem Zweck nimmt man ein Bad im Ganges oder in einem der Brunnen. Verschiedenen Brunnen und Ghats werden unterschiedliche Kräfte zugeschrieben. Der eine befreit von Krankheiten, der andere von Sünden und wiederum ein anderer stärkt die Fruchtbarkeit und schenkt Nachkommen.
Frauen nehmen ihr heiliges Bad in voller Sari-Montur. Männer dürfen in ihren Wickel-Unterhosen und Boxershorts baden. Ein Teil der Prozedur ist das dreimalige eintauchen ins Wasser. Dann wird ein Gebet ausgesprochen, wobei Wasser aus dem Ganges in einen Ton- oder Kupferkrug gefüllt wird und in jeder Himmelsrichtung einmal ausgeschüttet wird. Wieso und warum: keine Ahnung. Nandan erzählte, dass der Hinduismus kompliziert wäre und die meisten Gläubiger nicht wissen würden was und warum sie was machen würden. Es wären traditionelle Handlungen welche man sich vom nächsten abschauen würde.
Es gibt in Varanasi über 400 Ashrams. Das sind klosterähnliche Meditationscentren in denen die holy men eine einfache und bescheide Unterkunft bekommen. Sowohl Frauen als auch Männer können den Weg eines holy men beschreiten. Allerdings darf man erst diesen Weg gehen, wenn man andere soziale Verpflichtungen erfüllt hat; z.B. seine Kinder großgezogen hat. In einem Ashram sucht man sich einen Guru, der einen unterrichtet. Man schließt ein Versprechen ab, welches schriftlich festgehalten und dann verbrannt wird. Durch diesen Akt besteht das alte Leben nicht mehr und um dies noch zu unterstreichen bekommt man einen neuen Namen.

Ein schöner Ort zum sterben
Eine besondere Gruppe Pilger formen die Hochbetagten. Viele kommen nach Varanasi um hier zu sterben, denn wem es gelingt hier zu sterben, der hat den ewigen Kreislauf der Wiedergeburt durchbrochen. Aus diesem Grunde wird die Stadt auch als die Abkürzung zum Himmel genannt.
Oftmals werden Hochbetagte zu diesem Zweck von ihren Familien nach Varanasi begleitet. Familien können ihren gebrechlichen Hochbetagten kurzweilig in einem der zahlreichen Hospize unterbringen. Ein bekanntes Hospiz ist das Kashi Labh Mukti Bhawan in dem 10 Sterbende begleitet werden können. Die Aufnahmekriteria sind streng und deutlich: Es werden nur Sterbende aufgenommen ab dem Zeitpunkt, an dem sie weder essen noch trinken. Es ist ein Sterbehaus, welches nur von Spenden lebt. Aus diesem Grunde ist die maximale Aufenthaltsdauer auf zwei Wochen begrenzt. Sollte man innerhalb dieser Zeit nicht verstorben sein, muss man das Haus wieder verlassen.
Es gibt aber zahlreiche Wartehäuser in denen man meistens auch nur auf Basis von Spenden seine letzten Lebensjahre verbringen kann.
Leichname werden im Hinduismus nicht beerdigt, sondern verbrannt. Zu diesem Zweck gibt es in Varanasi zwei  burning ghats.
Traditionell werden die Leichnamen noch auf einem Scheiterhaufen verbrannt. Wer sich diese kostspielige Verbrennung nicht leisten kann, kann die kostengünstigere „elektronische“ Variante in Anspruch nehmen.
Verbrannt werden kann übrigens nicht jeder – holy men, Schwangere, Leprakranke, Hindus die durch einen Schlangenbiss umgekommen sind und Kinder bis zu 5 Jahren werden nicht verbrannt. Ihr Leichnam wird inmitten des Ganges versenkt. Anscheinend ist es schon mehreren Touristen widerfahren, dass sie während einer Bootstour Leichen im Ganges treiben sahen. Uns ist das glücklicherweise erspart geblieben.
In den Gassen rund um die burning ghats kommen einem regelmäßig männliche Trauergemeinschaften entgegen. Frauen müssen zu Hause bleiben und das Haus säubern nach verlassen des Leichnams.
Die Männer tragen den Leichnam auf einer Holzleiter. Der Leichnam ist mit Butter eingerieben und in weiße Kleidung gehüllt; weiß gilt als rein. Einem weiblichen Leichnam wird oft noch Schmuck umgelegt und der Leichnam einer Frau ist auch nicht mit weißen, sondern mit bunten Tüchern überdeckt.
Wenn die Ehefrau verstorben ist, zündet der Ehemann den Scheiterhaufen an. Wenn der Ehemann verstorben ist, dann zündet der älteste Sohn den Scheiterhaufen an. Die Verbrennung eines Leichnams dauert 2-3 Stunden; abhängig von der Wetterlage oder wie die Hindus glauben nach den Anzahl der Sünden. Die Asche wird daraufhin in den Ganges gestreut.
Das Bestattungsritual ist für die Hinterbliebenen intensiv und zieht sich über 13 Tage. Nach der Verbrennung nehmen die Männer ein Bad im Ganges um sich zu reinigen. Sowohl die Ehefrau als auch die Söhne rasieren sich ihren Kopf kahl.
Natürlich fühlen Hinterbliebene auch Trauer, aber sie sind auch erfüllt mit Stolz. Im Internet fand ich folgendes passendes Zitat eines Hinterbliebenen zum Thema Sterben in Varanasi: „Death in Kashi is not mournful, but a matter of happiness and joy.“

Unterm Strich:
Varanasi ist definitiv eine interessante und sehenswerte Stadt!

 

Liebe Grüße und lasst es euch gut gehen!
Caro und Tobi

 

 

Quellen:
www.groovytours.org
www.rajasthan-indien-reise.de/indien/ziele/heilige-varanasi.html
www.wikipedia.com
www.nzz.ch/lebensart/reisen-freizeit/varanasi–stadt-der-toten-1.18176998